IT Studie 08.07.2024, 12:39 Uhr

Green wächst weiter, mit und auch wegen KI

Die Verfügbarkeit von Daten und Rechenkapazität ist für Gesellschaft und Wirtschaft existenziell. Das Datenvolumen wächst stark. Wohin die Reise führt, erklärt Roger Süess, CEO von Green.
Roger Süess: «Green ist auf Expansionskurs – auch das nahe Ausland interessiert uns.»
(Quelle: Green)
Moderne Datencenter müssen höchsten Ansprüchen hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Sicherheit und ökologischen Massstäben genügen. Aufgaben, mit denen sich Green schon seit langem beschäftigt, sagt CEO Roger Süess.
Computerworld (CW): Roger Süess, als CEO von Green sind Sie an der Quelle der digitalen Zukunft. Wohin geht die Reise?
Roger Süess: Datacenter sind das Rückgrat der vernetzten Welt, und da waren wir von Anfang an vorne dabei. Mit der rasanten Entwicklung der Informatik und der Globalisierung des Internets stieg das Datenvolumen gewaltig, wuchs mit Social Media und Onlinehandel noch viel extremer an, und jetzt kommt AI hinzu: die Künstliche Intelligenz.
So wie Feuer, Buchdruck und Elektrizität die Welt fundamental veränderten, wird auch die KI zum technologischen und gesellschaftlichen Quantensprung. Denn mit der KI haben wir heute ein mächtiges neues Werkzeug zur Verfügung, das den Fortschritt in vielen Bereichen extrem beschleunigt und uns in ganz neue Dimension katapultiert.
CW: Wenn KI für Unternehmen und Private zunehmend den Alltag bestimmt und dann über kurz oder lang alltäglich wird, was bedeutet das für den Datacenter-Markt in der Schweiz?
Süess: Für Green heisst das zum einen sicherlich Wachstum. KI verarbeitet ungeheure Datenmengen und benötigt sehr viel Rechenleistung und sehr viel Speicher. Das alles passiert in Rechenzentren und wird auch für Green grosses Wachstum bringen, wobei es da natürlich eher auf der Seite der Anwendungen als bei den LLMs (Large Language Model) liegt.
Dieses Wachstum bedeutet für uns auf der anderen Seite aber auch wachsende Verantwortung dafür, wie wir unsere Marktleistung in die Gesellschaft und in die Communities einbringen, in denen wir uns bewegen, um die digitale Zukunft nachhaltig gestalten zu können.
Städte entstanden früher, wo Flüsse, Brücken und Handelswege waren, und heute ist es bei den Datacentern ähnlich. Wir expandieren an die Orte, die nah an den Daten-Hochgeschwindigkeitsnetzen liegen, nah an den Wirtschaftsräumen und wo über Daten oder Applikationen Mehrwert entsteht und wir zirkulären Nutzen generieren können.
Auch aufgrund von Faktoren wie Hochverfügbarkeit, Georedundanz, Latenzzeiten, Energie, Geologie usw. werden Datacenter geplant, und so sieht man oft Ballungsgebiete mit vielen Datacentern. Wir bauen für Jahrzehnte und siedeln uns dort an, wo wir uns ressourcenmässig am besten einbringen können, im Design attraktiv bleiben und städtebaulich ins Umgebungskonzept hineinpassen. Der Standort wird auch deshalb sorgfältig gewählt, damit man die Chancen der Kreislaufwirtschaft möglichst effizient umsetzen kann. Aber das können wir als Datacenterbetreiber nicht mehr alleine tun. Es braucht weitreichende und weitsichtige Kooperationen zwischen Unternehmen, Behörden und Abnehmern.
CW: Bauwirtschaft, Landwirtschaft, öffentlicher Verkehr usw. sind anerkannte, etablierte und einigermassen exakt umrissene Wirtschaftszweige. Müsste es angesichts der modernen Welt nicht auch so etwas wie Datenwirtschaft geben?
Süess: Das ist eine interessante Frage. Das Internet lebt heute davon, dass die meisten, die daran partizipieren, ihre Daten frei zur Verfügung gestellt haben. Ein Blick auf das Mobiltelefon zeigt, dass relativ wenige Applikationen drauf sind, die explizit abonniert und bezahlt werden. Für die meisten Apps bezahlt man mit Klicks und persönlichen Daten. Doch diese Daten werden zunehmend zum schützenswerten Gut. Man muss sich fragen und entscheiden, was man preisgeben will und was man schützen will. Dabei fällt der Fakt besonders ins Gewicht, dass es nur ganz wenige Daten einer Person braucht, um ein digitales Profil zu erzeugen.
Auch angesichts der KI muss man sich fragen, ob es nicht explizit so etwas wie eine offizielle Datenwirtschaft braucht, in der umrissen ist, für welchen Bereich von Daten Souveränität sinnvoll, welcher Grundschutz nötig ist, ohne dass man bevormundet wird, und wo ich die Möglichkeit habe, mich selbst zu schützen, meine Daten exklusiv zu nutzen oder andern zur Verfügung zu stellen. Es stellt sich tatsächlich die Frage, wie gehen die Einzelnen, aber auch der Staat und die Unternehmen mit den Daten um, und wo zieht man Grenzen?
Die Digitalisierung sieht man in der Industrie, in der Robotik und in allen Dienstleistungsbetrieben. Und sie wird künftig im Gesundheitswesen, in der Mobilität und der Energieversorgung noch viel stärker sichtbar werden. Trotzdem kristallisiert sie sich nicht als eigener, alles überdachender Wirtschaftszweig heraus. Unsere Gesellschaft funktioniert nur noch mit Daten, ohne Daten sind wir verloren. Ich bin überzeugt, dass wir dem Umgang mit Daten künftig einen besonderen und noch stärkeren gesellschaftlichen und politischen Stellenwert zumessen sollten.
Das Wachstum des Datenvolumens wirkt sich auch auf die Entwicklung von Green aus.
Quelle: Green
CW: Die Wenigsten sind sich bewusst, dass jede ChatGPT-Anfrage, jedes gepostete Ferienfoto und jeder Online-Einkauf Unmengen von Daten generiert und viel Energie verbraucht. Sehen Sie neue Möglichkeiten, diesen, von aussen generierten, Energiebedarf in den Datacentern abzufedern?
Süess: Das ist für uns ein grosses Thema. In unseren Datacentern sind wir bereits mit hoher Energieeffizienz unterwegs. Zum Beispiel indem wir die Abwärme auskoppeln und zur Verfügung stellen. Wo allerdings ein weitaus grösserer Hebel besteht, ist, die Hardware und Software weiter zu optimieren. Zum Vergleich: Die Kundensysteme machen 70 bis 80 Prozent des Energieverbrauchs eines Datacenters aus. Potenzial besteht etwa in schlankerem Code, effizienterer Hardware, höherer Betriebstemperatur oder auch neuen Kühlkonzepten. Entscheidend wird in Zukunft sein, wie alle Akteure – Kunden, Lieferanten, Softwareentwickler, Energieversorger und Datacenter-Anbieter – kooperieren, um die Effizienz gemeinsam zu steigern.
CW: Was ist heute der Status quo in ihren Rechenzentren bezüglich Energieeffizienz? Und was könnte noch unternommen werden?
Süess: Unsere Datacenter arbeiten zu 100 % mit erneuerbarer Energie, die zudem noch doppelt genutzt wird. Wir erbringen unsere Marktleistung mit grüner Energie, kreieren Dienste für die ganze Gesellschaft, heizen Wohnungen, und liefern Prozesswärme. Das zeigt, dass es eine gewisse Siedlungsnähe braucht, wenn die Energien nicht einfach verpufft werden sollen. Dabei stehen wir nun vor der Herausforderung, Datacenter möglichst energieeffizient zu bauen und möglichst nachhaltig zu betreiben. Dabei gibt es natürlich wie immer auch einige Hürden wie die Suche nach geeignetem Bauland, immer komplexere Re­gulatorien und teilweise auch geltende Bauvor­schriften, die uns in der Umsetzung unserer Designs einengen.
CW: Wo wird Green in 5 Jahren präsent sein? Wie viele Datacenter sind geplant?
Süess: In den letzten Jahren sind wir rasch gewachsen, und das wird auch in Zukunft so weitergehen. Natürlich liebäugeln wir auch mit dem näheren Ausland, es hat da durchaus einige Nachbarn, die uns interessieren könnten. Wenn sich das Wachstum wie bisher entwickelt, bedeutet das für uns ganz einfach Folgendes: In der Schweiz haben wir heute 4 Standorte und 6 Datacenter, 3 weitere kommen bis 2026 hinzu. In zwei bis drei Jahren werden wir unsere Kapazität verdoppelt haben und weitere Campus-Projekte umsetzen.
CW: Sie sehen die Zukunft der Datacenter-Anbieter positiv, aber durchaus auch herausfordernd: Wie bewerten Sie die Entwicklung und Erfolgschancen von Green in den nächsten Jahren?
Süess: Was mich immer wieder begeistert, ist das Prädikat Schweiz, das uns im Schweizer Markt und auch in allen anderen Märkten extrem gut positioniert. Der hohe Qualitätsanspruch, den wir an uns selbst stellen, die Kundenorientierung, unser Pioniergeist und die Innovationskraft der Schweiz zeichnen uns aus. Wir legen Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden, aber auch mit den verschiedenen Gemeinden, Partnern im Ecosystem und allen weiteren Stakeholdern. Durch unsere Nähe geniessen wir ihr Vertrauen und stehen im Dialog mit ihnen. Das hilft uns bei der Umsetzung unserer ambitionierten Pläne. Die Verankerung in der Gesellschaft ist uns sehr wichtig. Nächstes Jahr feiert Green den 30. Geburtstag. Als Pioniere sind wir gestartet und die werden wir auch bleiben: denn Innovation liegt in ­unserer DNA.
Die kommende Zeit braucht wirklich Pioniergeist und Innovationskraft. Wie gehen wir mit der technologischen Entwicklung um? Wie bleiben wir innovativ? Wie bauen wir zukunftsfähig? Wie können wir uns in die Gesellschaften am besten einbringen? Wie nutzen wir Energien nachhaltig? Wir waren die ersten in der Telco-Branche, die zu 100 % nachhaltigen Strom verwendet haben und die ersten, die recyceltes Aluminium für Fassaden verwendet haben, und so soll es weitergehen: pionierhaft, innovativ und verantwortungsvoll. Ich bin überzeugt, dass wir das meistern werden: Wir sind auf Kurs und nutzen unsere Chancen.
CW: Worauf freuen Sie sich?
Süess: Ich freue mich auf die Zukunft, auf die technologischen Chancen, auf das Wachstum und darauf, diese Zukunft mit meinem Team nachhaltig zu gestalten: als Teil der Schweizer Erfolgsstory.
Zur Person
Roger Süess
verantwortet als CEO seit 2019 die Wachstumsstrategie von Green. Er ist national und international bestens vernetzt und vertritt die Digitalbranche in verschiedenen Gremien, u.a. im Vorstand von Digitalswitzerland, in der Swiss Data Center Association sowie im Schweizerischen Arbeitgeberverband.



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