Auf die Mischung kommt es an
ICT-Branche Schweiz
Schweizer Schokolade geniesst weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Nicht, weil hierzulande Kakao wächst, sondern weil aus importierten Rohstoffen durch Wissen, Präzision und Erfahrung etwas Eigenständiges entsteht. Für die Schweizer ICT-Branche ist das ein passendes Bild. Auch sie arbeitet mit Technologien, Plattformen und Komponenten, die grösstenteils anderswo entwickelt werden. Ihre Chance liegt deshalb nicht darin, jeden globalen Trend möglichst rasch zu kopieren. Sie liegt in der Fähigkeit, die richtigen Zutaten auszuwählen, intelligent zu verbinden und daraus Lösungen zu schaffen, die den hiesigen Anforderungen entsprechen.
Das klingt einfacher, als es ist. Denn der Markt ist widersprüchlich geworden. Unternehmen wollen modernisieren, automatisieren und künstliche Intelligenz einsetzen. Gleichzeitig prüfen sie Investitionen genauer, verlangen einen rasch erkennbaren Mehrwert und scheuen langfristige Verpflichtungen. Geopolitische Spannungen, handelspolitische Unsicherheiten, steigende Kosten und neue Vorschriften verderben zwar nicht den Appetit auf Digitalisierung. Sie sorgen aber dafür, dass heute genauer auf die Zutatenliste geschaut wird.
Wachstum mit bitterer Note
Die Schweizer ICT-Branche bleibt robust. Der Swico ICT Index lag auch im zweiten Quartal 2026 mit 106,2 Punkten über der Wachstumsschwelle. Nach dem kräftigen Jahresauftakt hat die Dynamik jedoch spürbar nachgelassen. Steigende Kosten, intensiver Wettbewerb, Preisdruck und zögerlichere Kundenentscheide prägen das Geschäft. Wachstum ist weiterhin möglich, aber es verteilt sich nicht mehr automatisch auf alle Anbieter und Angebote. Damit verändert sich auch die Logik des Marktes. In den vergangenen Jahren genügte es vielerorts, Kapazitäten bereitzustellen, Migrationen zu begleiten oder neue Technologien in Aussicht zu stellen. Heute wollen Kunden wissen, welches Problem konkret gelöst wird, wie rasch sich eine Investition rechnet und wer die Verantwortung übernimmt, wenn mehrere Systeme, Anbieter und regulatorische Anforderungen zusammentreffen. Technologie bleibt wichtig. Sie ist aber kein Selbstzweck mehr und schon gar kein Freipass für offene Budgets.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Projekten, die mit grosser Vision starten und als kleiner Pilot enden. Diese Zurückhaltung ist nicht grundsätzlich negativ. Sie zwingt Anbieter, genauer zuzuhören, sauberer zu priorisieren und Wirkung früher nachzuweisen. Problematisch wird sie erst, wenn Unternehmen nur noch kurzfristige Einzelmassnahmen finanzieren und dabei das Gesamtbild aus den Augen verlieren. Eine Digitalisierung in homöopathischen Dosen lindert vielleicht akute Beschwerden. Eine tragfähige Zukunftsarchitektur entsteht daraus noch nicht.
KI muss in die Produktion
Künstliche Intelligenz bleibt die prägende Technologie der kommenden Jahre. Doch die Phase der ersten Faszination ist vorbei. Kaum ein Unternehmen muss noch davon überzeugt werden, dass generative KI Texte zusammenfassen, Programmcode erzeugen oder Kundenanfragen beantworten kann. Die entscheidende Frage lautet nun: Wie wird aus eindrücklichen Demonstrationen ein verlässlicher Bestandteil des Geschäfts? Genau hier öffnet sich eine Lücke. In der Swiss IT Study 2026 geben erst 7,1 Prozent der befragten Unternehmen an, KI bereits skaliert einzusetzen. Viele befinden sich weiterhin in Versuchen oder einzelnen produktiven Anwendungen. Das ist weniger ein Technologieproblem als eine Frage der Daten, Prozesse und Verantwortung. Ein Sprachmodell allein kennt weder die Besonderheiten eines Schweizer Versicherers noch die Qualitätsanforderungen eines Industrieunternehmens. Erst wenn es mit geeigneten Daten, klaren Regeln und einem überprüfbaren Prozess verbunden wird, entsteht geschäftlicher Nutzen.
Für die Anbieter bedeutet das: Der nächste Wettbewerb wird nicht über das grösste Modell oder die spektakulärste Demo entschieden. Gefragt sind Branchenwissen, Integrationsfähigkeit und ein realistisches Verständnis dafür, wo Automatisierung sinnvoll ist – und wo der Mensch entscheiden muss. Agentische Systeme, die Aufgaben selbstständig planen und ausführen, erhöhen diesen Anspruch zusätzlich. Wer einem digitalen Agenten Handlungsspielraum gibt, braucht nicht weniger Kontrolle, sondern bessere Leitplanken, Protokollierung und Eskalationswege.